BERT HELLINGER
UND FAMILY CONSTELLATION

Aus Laser Abstracts - I.R.FO.MED. (Istituto di Ricerca e Formazione Medica)

Das erste mal, daß ich mit der klassischen systemischen Therapie zu tun hatte, hatte ich sofort den Eindruck, im Buch von Pirandello “Sechs Personen auf der Suche von einem Verfasser” zu leben. Dort gibt jedes Mitglied der Familie, das wirklich da ist, seine eigene, sehr dramatisierte Version der gleichen Geschichte. Mit Bert Hellinger, dagegen, ist es nicht notwendig, mit der ganzen Familie zu kommen, um seine “Family Constellation” zu inszenieren.

Nach einer kurzen Beschreibung der Tatsachen, d.h. Tode, Krankheiten, Ausschlüsse, möglicherweise Morde, usw. (man unterläßt also psychologische Elemente wie Zuneigung und Abneigung), stellt er die Stellvertreter oder, nach der Filmsprache, die Doubles der Familienmitglieder im Saal auf: Vater, Mutter, Geschwister (auch diejenigen, die tot geboren sind), Onkel, Tanten und Großeltern, inclusiv die früheren Liebesverhältnisse der Eltern und die möglichen Kinder. In der “Family Constellation” werden auch die Opfer aufgestellt, für die ein Verwandter des Kundes verantwortlich ist. Der Kunde bezeichnet sogar seinen eigenen Stellvertreter, den er in Beziehung zu den Anderen aufstellt; wichtig ist gerade die räumliche Aufstellung, die Beziehung der Einzelnen zueinander und mit dem Ganzen.

Zu dieser Zeit fragt Hellinger jedes Double, wie es sich fühlt, dann stellt er die Doubles wieder auf und stellt nochmals die Frage. Nur wenn jeder Stellvertreter sagt, daß er sich gut und an seiner Stelle fühlt, hat man die richtige Anordnung gefunden.

Nur jetzt nimmt der Kunde seinen Platz, wo früher das Double stand; auf diese Weise kann er die neue Anordnung physisch und emotionell fühlen. Hellinger fordert ihn auf, wenige, aber doch bedeutungsvolle Wörter über die Anerkennung dieser Familienanordnung zu sagen: “Du bist der Vater, ich bin die Tochter”; “Du bist der Große, ich bin der Kleine”; “Du bist tot, ich lebe immer noch, wenigstens für eine kurze Zeit”.

Während der Arbeit, spürt man manchmal, daß es eine ausgeschlossene, vergessene Person gibt, an der der Kunde sich nicht erinnert; notwendig ist die Wiederherstellung dieser Person, sonst könnte ein Mitglied der Familie die Notwendigkeit spüren, sich mit dem Schicksal des Vergessenen zu identifizieren, um zu vermeiden, daß er endgültig vergessen wird.

Die Familie ist eine Art Wesen mit eigenem Gewissen, das dem Gesetz der Billigkeit zwischen Geben und Nehmen nachkommt. Jedes einzelnes Mitglied der Familie unterliegt diesem Gewissen, auch wenn es einen eigenen Gewissen hat. In anderen Wörtern kann es passieren, daß jemand Schulden bezahlt, die ihm nicht zukommen. Wenn man jedem Familienmitglied seine Verantwortung im Leben zurückgibt, dann gewährt man jedermann die Möglichkeit, sein Schicksal ohne Befleckung zu leben.

Zu diesem Ziel fokussiert Hellinger seine Arbeit auf die Billigkeit zwischen Nehmen und Geben, auf die Beziehung zwischen Schuld und Unschuld, auf die Anordnung der Familienmitglieder, auf die Identifizierung der ausgeschlossenen und vergessenen Personen, der Opfer.
Sein Schicksal bis zum Ende zu leben, im Bewußtsein seiner Wurzeln, heißt Realisierung der Seele und eine realisierte Seele spielt eine wichtige Rolle.

Zu dieser Zeit hätte ich die Lust – es ist verwegen, das weiß ich – eine neurologische Interpretation der Arbeit von Bert Hellinger zu versuchen.

Wenn wir an eine auf das Reden gerichtete Therapie denken, dann kommt vor allem die linke Großhirnhälfte in Frage; man redet von Vernunft, von der zeitlichen Dimension (früher und später), vom Zusammenhang Ursache/Effekt.

Hellinger interessiert sich sehr wenig dafür: was sein Interesse hervorruft, ist die räumliche Dimension mit ihren aus Massen und Entfernungen entstehenden Gravitationsanziehungen. Seine Arbeit betrifft hauptsächlich die rechte Großhirnhälfte, die mit der räumlichen Dimension, der Intuition, der Analogie verwickelt ist. Andererseits, wie könnte man ohne Intuition diese “Bewegung” der Seele wahrnehmen, die Bert Hellinger spürt, fördert, aufrichtet? Soweit die Bedeutung der räumlichen Dimension von Hellinger betroffen ist, genügt es an einer von seinen Arbeitssitzungen teilzunehmen, um zu verstehen, wie die Ähnlichkeit zwischen den wirklichen Himmelskonstellationen und der Family Constellation des Kundes deutlich ist. Die Kraften, die innerhalb der Familienkonstellation wirken zu spüren und sie nach einer Anordnung, die jedes einzelnes Mitglied verwertet aufzustellen. Das ist ja die Voraussetzung, woher der widersinnige und programmatische Titel der französischen Übersetzung des Buches von Gunthard Weber (“Les liens qui libèrent”) herauskommt. Dieses Buch ist eine treue Eintragung der Seminare von Bert Hellinger – Liebesbande, die Kraft geben.

Rechte Großhirnhälfte dann, aber nicht nur. Das Bedürfnis einer Familie kann den Kunde dazu bringen, daß er einen sehr hohen Preis bezahlt; er kann sich zum Beispiel mit einem ausgeschlossenen und vergessenen Mitglied der Familie identifizieren und dabei verzichtet er sogar auf seine eigene Identität. Gut, dieses Angehörigkeitsbedürfnis findet man in allen Tieren: vom Hund bis zur Sardelle, die sich haufenweise bewegt. Meiner Meinung nach, liegt diese Anforderung sicher nicht in der Gehirnrinde, d.h. in einem Sitz von sogenannten höheren Funktionen, wie das “Einzelgewissen”, sondern im tiefersten Teil des Gehirnes: im Reptilgehirn, das den Menschen und den Tieren gemeinsam ist. Hier liegen die Wurzeln, jene Wurzeln, die wir weder vergessen noch fliehen können, die uns immer unmittelbar folgen. Solche Wurzeln veranlassen uns daran, daß wir immer und überall die selben Lagen wieder hervorbringen, bis wir die Wurzeln nicht heilen. An diesen Wurzeln ist das “Familiengewissen” verankert, dem ein großer Anteil der Psychologen das “Einzelgewissen” in einer titanischen und zerreißenden Schlacht entgegenstellen wollte.

Die Therapie von Bert Hellinger ist eine Therapie der Wurzeln, eine Therapie ohne Widerstreit, weil jede Sache ihren richtigen Platz in der Welt hat. Es genügt, ihn zu finden.